Foto: Manuela Schwesig bei einer Rede Foto_Marco Urban

„Wer abwartet hat schon verloren“

Der Regine-Hildebrandt-Preis geht an zwei Projekte, die praktische Unterstützung von Jugendlichen, Integration und Begegnung unterschiedlicher Kulturen verbinden. Erstmals wurde auch ein Ehrenpreis verliehen – an einen Mann mit „besonderem inneren Kompass“, wie SPD-Chef Sigmar Gabriel in seiner Laudatio betonte.

Gestern Abend wurde im Willy-Brandt-Haus zum 14. Mal der Regine-Hildebrandt-Preis verliehen. In diesem Jahr erhielten zwei Initiativen den mit 20.000 Euro dotierten Preis: das Begegnungszentrum Wittenberg West und der Verein Berufliches und Soziales Lernen im Hunsrück e.V.. Den Ehrenpreis, der anlässlich des 25. Jubiläums der deutschen Einheit zum ersten Mal vergeben wurde, erhielt der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe. Mit dem Ehrenpreis werden das Lebenswerk sowie herausragende Verdienste gewürdigt.

Manuela Schwesig, Jury-Vorsitzende des Hildebrandt-Preises, sagte in ihrer Begrüßung: „Manfred Stolpe und Regine Hildebrandt haben Seite an Seite die deutsche Einheit gestaltet.“ Es sei das menschliche Miteinander, welches Einheit schaffe und dafür seien die beiden ostdeutschen Politiker das beste Beispiel gewesen.

In seiner Laudatio erinnerte SPD-Chef Sigmar Gabriel an die Worte Helmut Schmidts über seinen Freund Stolpe: „Sein innerer Kompass hat stets in die richtige Richtung gewiesen.“ Gemeinsam seien Stolpe und Hildebrandt während der Wende zwei – sehr unterschiedliche – Stimmen gewesen, die in einer für viele Menschen unsicheren Zeit „Halt und Orientierung boten“. Was hätte Regine Hildebrandt heute, angesichts der Unsicherheiten in der Flüchtlingssituation, gesagt? „Brandenburg hat das ‚Wir’ immer größer geschrieben als das ‚Ich’.“ Dass man praktisch helfen müsse, sei für Hildebrandt immer klar gewesen, so Gabriel – ihr Motto lautete: „Wer abwartet, hat schon verloren.“

Manfred Stolpe erinnerte sich in seiner Dankesrede an verschiedene Situationen, in denen Regine Hildebrandt auf ihre typisch anpackende Art Probleme anging und Lösungen fand. So etwa zu Helmut Kohl: „Herr Kanzler, wissen Sie, was im Osten los ist?“ Kohl, so Stolpe, konnte nicht weglaufen, holte sich seinen Arbeitsminister Norbert Blüm zur Unterstützung – und der wurde dann direkt von Hildebrandt ins Gebet genommen. „Regine Hildebrandt ist in den Herzen der Menschen“, so Stolpe.

Ausgezeichnet wurden neben Stolpe auch zwei Projekte, die Ausbildung und Begegnung für und zwischen Jugendlichen aus Deutschland und Flüchtlingen organisieren – und damit auch einen wichtigen Beitrag für gute Integration leisten. Ausländerhass, unterstrich der Vorsitzende des Forums Ostdeutschland, Wolfgang Tiefensee, dürfe man sich nicht bieten lassen – und die beiden Projekte hätten jeweils eine eigene Antwort auf solche Ressentiments gefunden.

Der Verein „Berufliches und Soziales Lernen im Hunsrück“ betreibt eine gemeinnützige Ausbildungsstätte, die es jungen Menschen ermöglicht, ins Tischlerhandwerk einzusteigen. Zielgruppe sind Jugendliche in schwierigen Lebenslagen, dazu gehören auch Flüchtlinge. Zur Preisverleihung kamen zwei der momentan acht Auszubildenden, sie stammen aus Afghanistan. Das Begegnungszentrum Wittenberg West betreibt seit 2010 einen Nachbarschaftstreff, zu dem mittlerweile auch viele Flüchtlinge aus Syrien kommen. Der Verein fördert Sprachpatenschaften. Manuela Schwesig würdigte die Rolle der Projekte für einen offenen Umgang miteinander – und betonte die verbindende Wirkung: „Man muss auch an die denken, die schon im Land sind.“ Das solidarische Miteinander als eines der großen Anliegen Regine Hildebrandts.